Science Slam in Sibirien

26. November 2014, die Temperatur in Nowosibirsk war innerhalb eines Tages um fast 20° gefallen, höre ich, als ich am Flughafen in ein Taxi mit dem Charme eines 2er Golfs einsteige. Während ich vergebens nach einem Anschnallgurt suche, brettern wir über dickvereiste Straßen los. Aber jetzt sind es erst -25 Grad! Pünktlich zur Show am Freitag wird es noch kälter sein, sagt die Bio-Doktorandin, die mich abholt, mit diesem Lächeln, mit dem man die eigene Normalität einem Fremden präsentiert. Nun, wenn ich vorher eines von Sibirien gehört hatte, dann, dass es kalt ist. Russische Bekannte konnten mir noch sagen, dass die Menschen hier sehr herzlich sein sollen, ansonsten beschränken sich die Vorurteile auf Wetter, Pelze, Wodka und eine verschwommene Annahme von „Dunkelheit“. Wir haben noch nicht einmal Vorurteile!

Dunkel ist es aber beileibe nicht. Alles strahlt weiß im Schnee und ich klebe am Fenster, sehe schmale Großbauten und dazwischen gestreute kleine Holzhäuschen, möchte alles aufsaugen und gleichzeitig das Gespräch mit der netten Begleitung nicht abreißen lassen. Ich habe Jetlag, komme wegen eines Neukunden, den ich unbedingt noch bedienen wollte, zu spät zum Seminar. 28 Science Slam Organisatoren, Slammer und Dolmetscher aus Deutschland und Russland sind für eine Woche in Nowosibirsk, Akademgorodok (Wissenschaftsstädtchen). Während die Organisatoren das in Russland recht neue Format von morgens bis abends diskutieren, turnen wir Slammer in der Uni herum, bereiten uns vor und machen Werbung für das Event. Aber was ist überhaupt ein Science Slam?

Ein Science Slam holt NachwuchswissenschaftlerInnen auf die Bühne, um verständlich in 10 unterhaltsamen Minuten eigene Forschungsergebnisse zu präsentieren. […] Am Ende entscheidet das Publikum mit seinem Applaus über die Gewinnerin oder den Gewinner des Abends. Wissenschaft in Unterhaltung übersetzen – darum geht es! (scienceslam.net)

Beim offiziellen Empfang lerne ich die Kollegen kennen, auf die ich schon so gespannt war. Vladimir und Vladmir dolmetschen 100 Tage im Jahr. Jeder. Mir steht der Neid ins Gesicht geschrieben. Wir sind im gleichen Alter. Die beiden wagen sich an die Herausforderung, sechs durchgeskriptete Slams in die jeweils andere Sprache zu bringen. Hier ist die Holschuld umgekehrt: “Ihr müsst euch die Dolmetscher unbedingt zwischendurch schnappen und die belagern, damit sie eure Rede auch richtig dolmetschen und ihr rüberkommt!” Verrückt, wenn das mal allen Rednern so klar wäre! Vladamir Balakhоnov und Johannes von Borstel, gegen den ich in Deutschland schon mehrfach in der Stichwahl verloren hatte, sprechen jedes Detail seiner 10 Minuten durch, üben Spannungselemente und Kunstgriffe ein. „Mein“ Vladimir und ich verlieren uns alsbald in einer Unterhaltung über Boogie Woogie und Lindy Hop und die Rolle der Frau im Tanz/ Gesellschaft/ Russland/ Deutschland. Ich muss hier auch gar nicht gewinnen. Großartiger ist für mich, als Dolmetscherin bei einer Rede über das Dolmetschen gedolmetscht zu werden. Deshalb kann ich auch eine ganze Minute meines Slams mit der Ehrung der Dolmetscherleistung des Abends verbringen. Und während ich über die Ursachen von Kabinengestik und ihre Formen referiere, werde ich meinem Publikum fast nicht gerecht, weil ich so fasziniert beobachte, wie in der Kabine das passiert, was ich gerade beschreibe. Dann dolmetschen sie Johannes, der mit „Quit playing games with my heart“ (Backstreet Boys) zeigt, wie man eine Herzrhythmus-Massage macht, Tim, der Werbung in Online-Kinderspielen identifiziert, Mikhail bei der Beschreibung einer Glycolsäure-Party, Alexey mit Big Data, Chancen und Gefahren, und Nariman, der von seinen genmodifizierten Ziegen in Brasilien erzählt, aus deren Milch Medikamente gewonnen werden können. In allen Details!

In Deutschland wird man nach dem Slam manchmal angesprochen, ein, zwei Leute gratulieren, erzählen. In Akademgorodok kann ich mich gar nicht retten. Kameras, Händeschütteln, Selfies mit Unbekannten, hallo, hallo, lauter lächelnde Gesichter um mich herum. Lächeln vor allem, denn Sprechen ist schwer. Mein holpriges Slowenisch hilft beim Verstehen, aber nicht beim Verstanden-werden. Einmal kann mein Gegenüber Französisch, drei, vier Menschen mit fließendem Englisch lerne ich kennen, ansonsten bleibt es oft bei viel freundlicher Mimik. Ohne die Vladimirs bin ich aufgeschmissen!

In der Vorbereitung auf den Slam wird mir empfohlen, meine Präsi mit einer russischen Coach durchzugehen. Ich beginne auf Englisch. Nach drei Folien merke ich, dass sie mich gar nicht versteht. „But what’s your subject?”, fragt sie dann. „Interpreting“, antworte ich. „But what’s your subject?“ “Äh, translation?” versuche ich. “Yes, but what is your subject?” “Languages?” Sie schüttelt den Kopf. Verzweifelt versuche ich, höflich abzubrechen. Frustriert breche ich später auch ein Interview ab, weil die spontane Sprachmittlerin schon im ersten Satz widersprüchlich scheint und auch auf Nachfrage keinen Zweifel beruhigt. Ich bin ganz aufgewühlt, dass es nicht klappt. Ständig stehe ich hilflos dumm da. Und muss mich der Frage stellen, ob ich aus einer Schwäche heraus Dolmetscherin geworden bin. Ob ich deshalb Sprachen gelernt habe, weil ich es nicht ertragen kann, nicht kommunizieren zu können? Dankbar umklammere ich jetzt den Gutschein für einen Russischkurs beim LSI, einem der Unterstützer der Reise. Die Chance, nach Sibirien zu fahren, verdanken wir dem Deutsch-Russischen Forum und Policult und zahlreichen Sponsoren. Der Schnee knirscht herrlich unter unseren Schritten, hübsche Pelzvariationen stapfen vorbei, wir spekulieren auf Bären, aber natürlich ist das nur Gerede. Ich treffe überraschend viele Vegetarier und Anti-Alkoholiker. Wodka spielt nur eine Nebenrolle, Politik wird ganz ausgeklammert. Im Irish Pub schenkt mir der Barmann Bulmers Cidre, Nowosibirsk begeistert mit der seltenen Kombination gemütlich-moderne Cafés, die Uni mit pompöser Architektur – hohe Decken? Enoorm hohe Decken! Vladimir sagt, in Sibirien ist der Sternenhimmel am Schönsten, aber ich kann nicht schauen, ich starre auf mein Bier. Es hat sich in nur fünf Minuten vom lauwarmen Dosenbier in ein ‚Beer on the rocks‘ verwandelt. Minus 34 Grad. Zeit, wieder reinzugehen.