Rhetorik

Ich habe heute einen 5 Euro-Schein gefunden. Meine beste Freundin hat mich vom Kölner Bahnhof abgeholt, ich durfte ihr neues Longboard fahren, sie fuhr gemütlich mit dem Rad neben mir, und da fiel er mir ins Auge. Vom Bahnhof? Sie hatte ihren Bruder dorthin gebracht, der zurückfuhr in den Schwarzwald, während ich gerade von dort kam. Als hätten wir uns verabredet, lagen Abfahrt und Ankunft auf der gleichen Uhrzeit. Ich kam zurück von zwei Tagen Höhensonne, Natur, Reiten und Heuballenstapeln. Eigentlich wie ein Kurzurlaub auf dem Lande für gestresste Manager. Sprich: Short Trip ins Hideout, inklusive Sonnenuntergänge vor malerischem Panorama. Nur, dass dort meine Familie wohnt, die mich zur Heuernte beordert hatte und ich keine Managerin bin. Deshalb springe ich auch für 5 Euro vom Longboard.

Allerdings steht auf meiner Visitenkarte tatsächlich der Schriftzug “Marketing Manager”. Aber es gibt schließlich auch “facility manager” und “office manager”. Damit deute ich an, mein Alltag macht gar keine Power-Auszeit notwendig – um es im Marketingsprech zu formulieren. Das Wort “power” soll hier Effektivität in Kürze vermitteln. Und obwohl die Kombination als widersprüchlich ins Auge fallen müsste, erschwert die Verwendung des englischen Begriffs den Vergleich. Absichtlich natürlich. Denn Wörter wie “power” wirken nicht nur modern, sondern sind speziell in einem Land der Nicht-Muttersprachler auch ausreichend unscharf, um symbolisch zu sein. Als Nicht-Muttersprachler kann man viele fremde Begriffe nicht in ihrer Gänze erfassen und ist geneigt, mehr dahinter zu vermuten, als bei einem deutschen Wort, dessen Verwendung und Bedeutung einem zur Genüge bekannt sind. Ist der fremsprachliche Begriff eingeführt und positiv aufgeladen, kann man ihn beinah beliebig einstreuen. Man erreicht damit beim Rezipienten ein gutes Grundgefühl und kann zudem einen ansonsten flachen Inhalt nicht mehr als solchen erkennbar machen. Denn eine gewisse Unsicherheit über die Bedeutungen, die meist zugunsten des Textes ausgelegt wird, bleibt.

Ein weiteres Beispiel sind die neuen “Biofresh” Kühlschränke. Bio-Fresh. Seitdem ich angefangen habe, diesen kurzen Text zu schreiben, begegnen mir auch dazu passende Studien. Cheryl Wakslak unterstreicht zum Beispiel, dass abstrakte Sprache den psychologischen Effekt einer Überlegenheit hat. Wer abstrahieren kann, gilt als klüger. Je abstrakter, desto mehr Macht signalisiert man, schreibt sie im Journal of Personality and Social Psychology. Ich behaupte, eingeführte Fremdwörter erfüllen eine ähnliche Funktion.

Es ist unschwer erkennbar, dass ich mich ein wenig darüber lustig mache. Ich beschreibe meine Marketingtätigkeit ironisch, denn eigentlich stehe ich auf der anderen Seite. Bei denen, die in der Klarheit einer Aussage ein Qualitätsmerkmal ihrer Arbeit sehen. Denen, die das Verständnis ermöglichen wollen, die die fremdsprachlichen Wörter übersetzen. Denn, ich bin auch Dolmetscherin. Das ist meine große Leidenschaft, so steht aus auf meiner anderen Visitenkarte. Und obwohl ich manche Textsorten mit Belustigung betrachte, faszinieren mich die Möglichkeiten, die Sprache bietet. 

Rhetorik ist eine Kunst. Doch die Elemente der Rhetorik, die ich verwende, sind abgeschaut, charakterlich bestimmt oder sogar zufällig. Ich möchte gerne das lernen, was über eine angenehme Tonlage, einen festen Stand, eine korrekte Formulierung, eine Gestik ohne Hände in den Taschen hinausgeht. Ich möchte gerne die Kunst kennenlernen.