Dolmetschen und Corona – Chancen in der Pandemie

Disruption

Im März 2020 zwang die Corona-Pandemie auch uns KonferenzdolmetscherInnen an den heimischen Schreibtisch. Von 100 auf Null sozusagen. Alle Veranstaltungen wurden abgesagt. Und damit natürlich auch unsere Verdolmetschung. Keine Kongresse, keine Verleihungen, keine Führungen, Ausstellungen oder Theatervorstellungen mehr, keine Buchbesprechungen, Verhandlungen oder Exkursionen mehr. Es fiel einfach alles aus. Keine Zugfahrten mehr, keine Übernachtung in Hotels vor dem Einsatz am Morgen, keine Autofahrten mit den Kolleginnen und Kollegen, auf denen noch die letzten Details besprochen wurden. Keine Mittagessen in der Kundenkantine, keine Flurgespräche mit Kundinnen, die man schon lange kennt. Der Anzug blieb im Schrank und wir fuhren alles herunter. In einer Zeit, in der sonst gerade die Saison beginnt.

Anpassung

Wie die Veranstaltungsbranche ingesamt standen wir zunächst verwundert vor dieser völlig neuen Situation. Und dann begannen die Treffen online. Wir trafen uns untereinander. Unter europäischen KollegInnen. Experimentierten mit Headsets, Mikrophonen und Kamerausschnitten. Besprachen Programme und verabredeten Übungsgruppen. Wir ergänzten unsere Büroausstattung und lernten viel dazu.

Die Vorbehalte

Vor der Corona-Pandemie gab es unter DolmetscherInnen starke Vorbehalte gegenüber dem ‚digitalen Dolmetschen‘. Zunächst einmal sah man keinen Grund, die Präsenz gegen Distanz zu tauschen. Wieso sollte man woanders sein, wenn man auch vor Ort sein kann? Und wir waren auch misstrauisch gegenüber einer neuen Arbeitsweise. Denn schließlich bedeutete das remote Dolmetschen, dass wir uns mit technischen Bedingungen auseinandersetzen müssten, die wir noch nicht kannten.
Stellen Sie sich vor, jemand ruft Sie an und bittet um eine Verdolmetschung, ohne dass Sie etwas sehen oder besonders gut hören könnten. Nicht optimal. Aus dieser Perspektive waren die Vorbehalte berechtigt.

Neues Terrain

Nun aber stellte sich die Situation ganz anders dar: Die Menschen trafen sich online und waren jeweils einzeln zugeschaltet. Alle sind dabei (idealerweise) gut zu sehen und zu hören. Außerdem hatte die Konferenzplattform Zoom bereits eine Dolmetschfunktion im Programm, mit der wir simultan arbeiten konnten. In Windeseile organisierten wir unter KollegInnen Trainingssessions, um uns mit der Technik vertraut zu machen. Damit wir unsere Verdolmetschung auch für die Online-Meetings anbieten können. Und so gelang der Übergang ins digitale Dolmetschen.

Überraschende Vorteile

Auf einmal ließen sich DolmetscherInnen zu beinahe jeder Art von Treffen dazuschalten. Ohne Kabine, ohne TechnikerIn, ohne Verkabelung, ohne Anreise. Sogar ins heimische Wohnzimmer, wenn da eine Gruppe Kunstinteressierte mit einer schwedischen Künstlerin sprechen wollte. Oder zu einer Verhandlung über den Ozean, von einem deutschen in ein US-amerikanisches Büro. Oder zu einer Schulung, die TrainerInnen aus Australien, Japan, Großbritannien und Deutschland zusammenbringt, ohne dass jemand reisen muss.
Wo vorher Budget für Snacks und Getränke, Raummiete und Ausstattung ausgegeben wurde, waren auf einmal Mittel frei, einen Workshop mehrsprachig anzubieten. Unsere Dienstleistung wurde über Nacht erschwinglicher, unkomplizierter und für viel mehr Menschen nutzbar. Denn auf den gängigen Konferenzplattformen können alle Zuhörenden mit einem Klick der Verdolmetschung zuhören. Das war vorher nicht so einfach. Da musste man mitten in der Veranstaltung aufstehen und einen Empfänger holen, wenn man sich doch nicht so sicher war, alles zu verstehen. Jetzt kann man die Verdolmetschung auch einfach mal ausprobieren.

Die Pandemie hat das Dolmetschen näher zu den Menschen gebracht und für viel mehr Formate und Situationen, über alle Ländergrenzen hinweg, nutzbar gemacht. Wir genießen die Vielfalt und die Möglichkeiten, die das mit sich bringt. Und wenn alle gute Mikrophone nutzen, dann würden wir sogar sagen: Das digitale Dolmetschen darf gerne bleiben und dauerhaft unsere Arbeit in Präsenz ergänzen.